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01.02.2007
Roman Handschin als Tourist an Bob-WM

Anschieber Roman Handschin hat fest mit einem Platz im Schweizer Team gerechnet, das am Wochenende an der Viererbob-WM in St. Moritz auf Medaillenjagd geht. Nun sitzt er zu Hause in Amriswil und langweilt sich. Der EM-Dritte fühlt sich vom Verband ausgebootet.

© Thurgauer Zeitung - Thomas Springmann

Bob - «Ich kann auch nicht erklären, weshalb ich nicht an die WM darf», sagt ein frustrierter Roman Handschin. Verletzt sei er keineswegs, «aber verletzt geschrieben», ergänzt er mit einem bitteren Lächeln im Gesicht. Verbandsarzt Andreas Gösele habe ihm telefonisch mitgeteilt, dass er in St. Moritz nicht dem Schweizer WM-Team angehöre. Dabei war Handschin felsenfest davon überzeugt, dass die leichte Rückenverletzung, die er sich beim Gewinn der Bronzemedaille an der Viererbob-EM in Cortina (als Hintermann von Ivo Rüegg) zugezogen hatte, vollständig auskuriert ist. «Das wurde dem Verbandsarzt auch von meinem persönlichen Arzt bestätigt», erzählt Handschin. Der 24-jährige Modellathlet (186 cm, 97 kg) kann nicht glauben, dass er aus gesundheitlichen Gründen aus dem WM-Kader geflogen ist, in das er Mitte Januar berufen worden war. «Ich kann das Ganze nur persönlich nehmen», sinniert Handschin, «ich weiss aber nicht, was die entscheidenden Leute gegen mich haben.»
Informationen aus zweiter Hand
Sauer aufgestossen ist dem Amriswiler zudem, dass er nicht von Bob-Sportchef Dominik Scherrer über seine Nichtberücksichtigung informiert worden ist, sondern vom Verbandsarzt. «Es sieht so aus, als wäre man zu feige gewesen, mir das persönlich zu sagen», ärgert sich Handschin nicht zum ersten Mal über die Kommunikationspolitik im Bob-Verband. Schon von der WM-Selektion habe er zuerst aus den Medien erfahren, sagt Handschin.
Damals, Mitte Januar, hatte der amtierende Junioren-Weltmeister im Zweierbob noch auf einen fixen WM-Startplatz gehofft. Wenn auch nicht im Team von Ivo Rüegg, mit welchem er in dieser Saison neben EM-Bronze auch Silber an der Schweizer Meisterschaft gewonnen hat. Nachdem Rüegg seinen Schlitten für die WM mit Beat Hefti aus der Equipe des international zurückgetretenen Martin Annen aufgerüstet hatte, war für Handschin klar, dass es für ihn im Bob «SUI 1» eng werden würde (siehe TZ vom 12. Januar). Dass es letztlich auch nicht zu einem Platz im «SUI 2» von Martin Galliker reichte, wurmte den ehrgeizigen Thurgauer zwar, den Kopf steckte er deshalb nicht in den Sand.
Er arrangierte sich mit der Rolle des Ersatz-Anschiebers, die ihm zunächst von den Verbandsselektionären zugeteilt wurde. «Wenn auch nur als Reservist, ich war mir sicher, dass ich an der Heim-WM in St. Moritz dabei bin», sagt Handschin. Nun sucht der Amriswiler nach Erklärungen, weshalb ihm Thomas Herzog und Patrick Blöchliger (aus dem Team von Francisco Baños/BC Frauenfeld) als Ersatz-Anschieber vorgezogen wurden. «Beide waren bei den letzten Leistungstests hinter mir klassiert», sagt Handschin. Objektive Kriterien seien für die Nominierung offensichtlich nicht ausschlaggebend gewesen, «deshalb fühle ich mich der Einteilungspolitik des Verbandes total ausgeliefert».
Als Fan-Begleiter zur WM
Die Enttäuschung sitzt bei Roman Handschin tief, so tief, dass er von der WM am liebsten nichts sehen und hören würde. Weil er aber jene 40-köpfige Reisegruppe aus dem Oberthurgau nicht im Stich lassen will, die sich vor Monaten gebildet hat, um ihren Lokalmatador in St. Moritz vor Ort zu unterstützen, tritt er an diesem Wochenende die Reise ins Engadin schweren Herzens an. «Ich fahre auf jeden Fall mit. Ob ich an die Bobbahn gehe, ist noch längst nicht sicher. Vielleicht geh ich während der Rennen irgendwohin zum Schlitteln.»


Dominik Scherrer: «Konnten nicht anders entscheiden»

Bob-Sportchef Dominik Scherrer kann die Enttäuschung von Roman Handschin verstehen. Dass der Thurgauer seinen Platz als Ersatz-Anschieber im Team von Ivo Rüegg an Thomas Herzog habe abtreten müssen, sei aber ausschliesslich auf die Rückenverletzung zurückzuführen, die sich Handschin in Cortina zugezogen habe. «Danach wurde er eineinhalb Wochen mit muskeltonus-senkenden Medikamenten behandelt. Jetzt ist er zwar wieder gesund, aber nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Wir konnten nicht anders entscheiden», so Scherrer. Der Entscheid sei Handschin deshalb vom Verbandsarzt Andreas Gösele mitgeteilt worden, «weil der sich in medizinischen Fragen besser auskennt.» Scherrer betont, dass die WM-Selektion in einem sechsköpfigen Plenum vorgenommen wurde. Zudem habe es Handschin im Telefongespräch mit Verbandsarzt Gösele abgelehnt, sich mit ihm, Scherrer, oder auch anderen Verbandsfunktionären verbinden zu lassen. (tsp.)